Comics - eine Rollenspiel-Ideen-Quelle

Viele Spielleiter schöpfen die Ideen zu selbstgeschriebenen Abenteuern aus Filmen und Romanen - habt Ihr auch schon mal daran gedacht, Comics als Ideenvorlage zu benutzen? Die Vorteile liegen klar auf der Hand:

a) Die meisten Comics haben keine weitverzweigte, komplizierte Handlung mit vielen Nebenschauplätzen, wie zum Beispiel ein guter, spannender Fantasy-Roman. Die Comic-Handlung ist (meistens) überschaubar und geradlinig, es finden selten Parallel-Handlungen seitens "NSCs" statt. Eine Comic-Story in ein Abenteuer umzustricken ist in diesen Fällen für einen engagierten Spielleiter recht leicht.

b) Durch einen Comic hat man die Möglichkeit, NSCs, Monster oder Schauplätze bildlich darzustellen. Man muß lediglich die entsprechenden Seiten kopieren oder vorzeigen. Comics bieten im Regelfall eine Menge stimmungsvoller Bilder oder die Portraits hinreißender Kaufmannstöchter oder verschlagener Schurken.

c) Gerade Fantasy- oder Grusel-Comics bieten dem Leser eine Vielzahl von ungewöhnlichen, merkwürdigen oder kuriosen Monstern, Dämonen oder "normalen" Gegnern an - ein Pool, aus dem man gut und reichlich schöpfen kann.

d) Comics eignen sich auch gut als Namensgeber-Liste. Wenn jeder dritte Magier, dem man begegnet, "Gandalf" oder "Merlin" heißt, wird's schnell langweilig. Dagegen haben "Artrizio de Ragazza", "Tross Walkor" oder "Mirianna von Hohenzug" zwar nicht das gewisse Etwas, sind aber eingängig, oder? Auf jeden Fall sollte sich ein nach Ideen suchender Spielleiter mal auf dem Flohmarkt oder in einem Gebrauchtcomic-Laden umsehen, um für wenig Kohle ein paar nette Comics zu ergattern.

Deshalb an dieser Stelle ein paar Tips zum Auswählen:

a) Gespenster-, Geister- oder Spuk-Geschichten: diese Comics hat wohl jeder schon mal in der Hand gehalten. Es gibt sie zwar immer noch als Neu-Comic, aber da die Stories zu 60% Schrott sind, sollte man lieber zum Gebraucht-Comic greifen. Gespenster-Geschichten (und ihre Ableger) eignen sich aber trotzdem gut als "kleines Abenteuer zwischendurch", da sie immer sehr einfach gestrickt sind, keine ausgearbeiteten Charaktere aufweisen, meist oft leicht zu lösende Probleme enthalten und trotzdem spannend sind. Wenn Du Samstag nachmittags als Spielleiter vorgesehen bist, aber kein Abenteuer hast - kauf Dir so'n Comic!

b) Superhelden-Comics (J.L.A., X-Men, Spiderman etc.) sind als Ideen-Lieferanten mit Vorsicht zu genießen. Die Stories haben zwar des öfteren einen Fantasy-Charakter, aber der Plot ist meist in eine größere Rahmenhandlung eingebunden und schlecht aus dem Kontext zu lösen. Als Lieferant für Bilder von Monstern, Dämonen oder NSCs aber dennoch gut zu gebrauchen, da die Illus meist von guter bis sehr guter Qualität sind. Hier sollte man am besten Comics nehmen, die sich mit irgendwelchen Göttern befassen. Bei den Rächern z.B. gibt's einige gute über die olympischen Götter, und da der Donnergott Thor selbst Mitglied der Rächer ist, kommt man auch in den Genuß des nordischen Götterpantheons von Walhalla.

c) Asterix, Isnogud & Lucky Luke: hat auch schon sicherlich jeder mal in der Hand gehabt. Gerade Asterix bringt durch seinen historischen Hintergrund ganz nette Ideen, sei es ein gestohlener Zaubertrank, die Beschaffung eines (eventuell magischen) Kupferkessels, die Verfolgung von Entführern usw. Die Stories sind geradlinig, bleiben so gut wie immer "bei den Helden" und lassen sich leicht zu einem spannenden Abenteuer mit vielen interessanten NSCs umstricken. Weiterhin sind Bilder von Örtlichkeiten wie Tempeln, Stadien oder Dörfern und Portraits von NSCs so gut wie immer zu finden. Isnogud besticht meist durch witzige Ideen zum Thema Magie, die sparsam verwendet eine Spielrunde auch mal schmunzeln lassen können. Lucky-Luke-Comics müßten vom Spielleiter erst mal an den Fantasy- Hintergrund angepaßt werden und die Illus sind so gut wie gar nicht zu gebrauchen, dafür haben die Stories ein gutes Potential an spaßig-spannenden Abenteuern.

d) Spawn/Witchblade/The Tenth und ähnliche Comics sind als Fundgrube eher für Shadowrunner oder World-of-Darkness-Spieler zu gebrauchen, zum einen wegen der teilweise recht technikorientierten Stories, zum anderen wegen der doch eher düsteren Atmosphäre.

e) Tassilo: erscheint mittlerweile als Album bei Carlsen, hat aber eine Fantasy- Atmosphäre, die sich gewaschen hat. Meiner Meinung nach eines der besten Fantasy- Comics überhaupt, gute Stories, schöne Bilder, fiese Gegner - ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe schon einiges an Tassilo-Potential für meine Abenteuer "ausgeliehen". Die Alben sind zwar im Gegensatz zu Gespenster-Comics recht teuer, aber lohnenswert!

f) Elfquest - Abenteuer in der Elfenwelt: tragen außer netten Bildern eigentlich nichts zum Rollenspiel bei. Die Charaktere sind zu ausgefeilt, die Stories viel zu komplex und das Bild von Elfen und Trollen paßt eigentlich so recht zu keiner Fantasy-Welt, die ich kenne. Am einfachsten zu verwenden sind da noch die Illustrationen der Menschen und ihrer Stadt aus der Elfquest-Serie Shards ("Scherben"), welche als Comicheft-Version bei Carlsen erscheint.

Es lohnt sich also wirklich, mal stöbern zu gehen. Viele gute Fantasy-Comics gibt's auch nicht mehr im Handel, wie Warlord, Taar, Camelot 2000. Wer ein wenig mehr Geld ausgeben (und noch "nebenbei" was zum Lesen kaufen) möchte, sollte zu Storm, Trigan, Yoku Tsuno, Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit, Der Rote Korsar, Luc Orient oder Thorgal greifen - die Comics sind nicht gerade billig, da sie entweder schon recht alt sind oder als Neu-Alben erscheinen. Aber da hat man was zum Schmökern, was sich lohnt ...

Michael Wuttke