Tagelang hat der Sturm euer Schiff vorwärtsgepeitscht - immer weiter
hinaus auf das weite Meer. Endlich klart es auf und entsetzt stellt ihr
fest, daß sich rings um euch nur Wasser erstreckt. Ihr habt keine
Ahnung, wo ihr euch befindet!
Das war eine zentrale Frage für alle Seeleute, solange ihnen noch
kein GPS auch auf dem weitesten Ozean Auskunft über ihren Standort
gab. Aber sie suchten und fanden man immer neue Möglichkeiten, sich
auf dem Meer zu orientieren.
Zuerst einmal braucht man eine genaue Beobachtungsgabe. Alles kann Hinweise
liefern auf Landnähe, verborgene Riffe, besondere Strömungen
usw., z. B. Wellenreflexionen an der Küste, Seetangvorkommen, Unterschiede
in Farbe, Temperatur und Salzgehalt und natürlich Tiere wie Vögel
und Fische. In tropischen Gewässern signalisierten bei günstigen
Winden stark duftende Pflanzen Seefahrern bereits mit ihrem Geruch die
Nähe des Landes, noch bevor es in Sicht kam. Auch schwimmende Schlangen
zeigten Ufernähe an. Vögel waren ein untrügliches Zeichen
für Landnähe. Vor allem die Portugiesen entdeckten manche Insel,
indem sie Vögeln folgten, die diese auf der Suche nach Ruhe und Futter
ansteuerten. Auch Kolumbus griff zu diesem Trick. Inder und Wikinger führten
sogenannte "richtungsweisende" Vögel an Bord mit wie Krähen oder
Raben. Diese steigen üblicherweise rasch hoch auf und fliegen dann
in Richtung Land. Sehen sie keines, kehren sie zum Schiff zurück.
Ein prominentes Beispiel ist die Taube von Noahs Arche.
Ein ganz einfaches und sehr altes Gerät zur Tiefenmessung ist das
Lot.
Es besteht aus einer Meßleine und einem Bleigewicht am Ende. In die
Leine sind in regelmäßigen Abständen (= Faden) Knoten eingearbeitet,
so daß z. B. ein Faden einem Meter entspricht. Das Lot kann nur in
Ufernähe eingesetzt werden. Neben der Messung der Tiefe hatte es noch
eine weitere Funktion: mit seiner Hilfe entnahm man Proben vom Meeresboden,
der Aufschluß über das Küstengebiet gab. Dazu füllte
man den hohlen Lotkörper mit Talg, an dem die Bodenteilchen haften
blieben.
Die Messung der Geschwindigkeit war schon schwieriger. Einziges Gerät
war lange Zeit das Handlog.

Es handelte sich dabei um ein flaches, dreieckiges Holzstück,
das aufgrund einer besonderen Beschwerung aufrecht schwamm. Die Leine,
an der man es hinter dem Schiff herschleppte, war wie beim Lot mit Knoten
in festen Abständen versehen. Während die Leine nach dem Auswurf
des Logs ein bestimmtes Stück ablief, maß eine spezielle Sanduhr
(Logglas) die Zeit. Damit konnte die Geschwindigkeit des Schiffes
lediglich ungefähr ermittelt werden und auch nur für die Zeit
der Messung.
Zur Zeitmessung verwendete man Sonnen-, Sand- und Wasseruhren.
Das Logglas, im Kompaßhäuschen vor dem Steuerruder zusammen
mit Kompaß und Kerze untergebracht, diente zur Navigation und regelte
das Leben an Bord. Die Sanduhr benötigte für einen Durchlauf
eine halbe Stunde (Glas). Drehte der Wachhabende sie um, schlug er eine
Glocke und verkündete z. B. nach einer vierstündigen Wache "acht
Glasen".
In der Frühzeit der Schiffahrt hielt man sich nach Möglichkeit in Sichtnähe des Ufers auf. Man richtete sich nach auffälligen Landmarken, um Gefahrenstellen wie Untiefen, Klippen oder Sandbänken ausweichen zu können oder einfach "nur" zu wissen, wo man sich befand. Wollt ihr also in fremde Gefilde reisen, wäre es sinnvoll, einen ortskundigen Lotsen an Bord zu nehmen. Diese Segelanweisungen wurden ergänzt mit Angaben u. a. über Ansteuerung, Ankergründe, Wasserstellen zur Frischwasserversorgung, die Abfolge der Küstenstädte und ihre Hafeneinfahrten und Entfernungen zueinander. Daraus entstanden schließlich Reiseanleitungen
(Periploi, sg. Periplos) für das Mittelmeer und die bekannten Teilen
des Schwarzen Meeres, Roten Meeres, Atlantiks und Indischen Ozeans.
Eine zusätzliche Hilfe waren die Leuchtfeuer. Unterhalten
von Dörfern und Städten, warnten sie bei Nacht vor gefährlichen
Stellen und wiesen Heimkehrer den Weg in den Hafen. Leider lockten auch
Strandräuber damit manches Schiff ans Ufer und ins Verderben. Leuchttürme
wurden bereits in der Antike gebaut. Ihre Leuchtkraft wurde mit Hilfe metallbeschlagener
Schilde verstärkt. Der berühmteste Leuchtturm war der Pharos
nahe der Hafeneinfahrt von Alexandria (Ägypten), eines der sieben
Weltwunder. 280 v. Chr. gebaut, erhob er sich ca. 136 m hoch, ein schlanker
achteckiger Turm auf einem rechteckigen Unterbau. Im 14. Jh. wurde er durch
ein Erdbeben zerstört.
Es ist ein Irrtum, daß die antike Seefahrt eine reine Küstenfahrt
gewesen wäre. Bereits im 1. Jt. v. Chr. wagte man sich quer und längs
über das Mittelmeer und von dort bis nach Britannien. Später
segelten römische Händler bis nach Indien.
Eine wichtige Hilfe war die Kenntnis besonderer Wind- und Strömungsverhältnisse.
Ein Beispiel ist der Monsun. Der Südwestmonsun ermöglicht das
Segeln vom Roten Meer oder der afrikanischen Ostseeküste nach Indien.
Einige Monate später kann man mit dem Nordostmonsun auf der gleichen
Strecke zurückkehren. Außerdem gibt es verschiedene Meeresströmungen,
die wie "Transportbänder" die Meere durchziehen. Ein prominentes Beispiel
ist der Golfstrom, dessen Wärme für das milde Klima Irlands verantwortlich
ist.
Bei allen Hochseefahrten spielte die Navigation nach den Sternen die
wichtigste Rolle. Dabei orientierte man sich an Sternbildern und Fixsternen.
Eine besondere Rolle spielten neben Sonne und Mond in den nördlichen
Breiten z. B. der Polarstern, der die Nordrichtung anzeigt und durch die
Messung seiner Höhe über dem Horizont auch die Bestimmung des
Breitengrades ermöglicht. In südlichen Breiten konnte man die
Südrichtung aus der Stellung der Sternbilder Pegasus, Kreuz des Südens,
Orion und Skorpion zueinander bestimmen.
Für diese astronomische Navigation erfand man nautische Instrumente.
In der Antike waren dies Gnomon und Astrolabium. Ersteres
war eine Art Sonnenuhr, ein Stab, der seinen Schatten auf ein Tablett oder
eine Scheibe mit Hilfslinien warf. Schattenlänge und -richtung gaben
die ungefähre Tageszeit an und mittags konnten die Nord-/Südrichtung
und die geographische Breite des Standorts ermittelt werden. Allerdings
waren diese Angaben ungenau, v. a. bei unruhiger See.

Beim Astrolabium sah es hinsichtlich der Präzision schon besser aus. Es ist ein einfaches
ringförmiges Gerät für die Höhenwinkelmessung von Gestirnen.
Hatte der Navigator die Höhe eines markanten Fixsterns ermittelt,
konnte er Stunde, geographische Breite und die Himmelsrichtungen angeben.
Mit Kenntnis des Breitengrades konnte man diesem nach Westen oder Osten
folgen, bis Land in Sicht kam. Dieses Gerät blieb bis ins 16. Jh.
im Gebrauch.
Auf diesem Stand blieb die Navigationstechnik bis weit ins Mittelalter
hinein.
Der Magnetkompaß kam, wie so vieles andere, zuerst in China
in Gebrauch. Man benutzte ihn dort bereits um die Zeitenwende an Land.
Ob auch auf See, ist nicht bekannt. Im 14. Jh. kam er, bereits mit der
Kompaßrose, nach Europa. Die einfachste Version, eine in einem Gefäß
schwimmende Nadel, mit einem Magnetstein gerieben und z. B. an einen Strohhalm
gebunden, kannte man schon im 12. Jh.
Erst im Zusammenspiel mit Seekarten entfaltet der Kompaß
seine Stärke, das genaue Richtungssegeln. Der Beginn der wissenschaftlichen
Kartographie liegt wiederum in antiken Zeiten. Erste Karten der damals
bekannten Welt, also des Mittelmeerraumes, wurden im 6. Jh. v. Chr. angefertigt,
300 Jahre später kamen Entfernungsangaben und ein einfaches Gradnetz
hinzu und Anfang des 2. Jhs. n. Chr. hatte man im Kartenzeichnen und
bei den Angaben zu Breiten- und Längengraden einen Stand erreicht,
der erst nach dem Mittelalter übertroffen wurde. Immerhin entwickelten
die Europäer Ende des 13. Jh.s die Portulankarten, die gemeinsam mit
dem Kompaß die europäischen Navigationsmethoden gründlich
veränderten: sie waren genau nach Norden ausgerichtet und gaben den
Küstenverlauf, so weit er bekannt war, zumindest ungefähr wieder.
So konnten nun Fahrtrichtung und -strecke bestimmt werden. Darüber
hinaus bezeichneten die Karten Landmarken und lieferten kurze Küstenbeschreibungen.
Mittelalterliche Seekarten beschränkten sich zunächst auf
die Darstellung der Küstenlinien und Benennung der Örtlichkeiten.
Sie waren mit Kompaßrosen verziert, von denen ein Netzwerk aus Linien
sich über die Karten zog. Der Seefahrer schlug die gewünschte
Richtung ein und behielt diese so lange bei, wie im Segelhandbuch angegeben
war.
Aufgrund der Höhenbestimmung der Sonne und bestimmter Gestirne
an verschiedenen Orten konnten die Geographen die Orte bereits auf der
richtigen Breite eintragen, die Entfernungen wurden anhand von Erfahrungswerten
geschätzt.
Eine ganz andere Art von Seekarten fertigten die Bewohner der Pazifischen
Inseln an: aus Palmblattadern oder Schnüren wurde eine Art "Netz" gefertigt, auf
dem die Inseln und ihre Lage zueinander mit eingearbeiteten Muscheln oder Korallenstücken
angezeigt wurde.

In Europa kam im 15. Jh. mit dem Jakobsstab ein neues Instrument
hinzu. Auch dieser diente zur Messung von Gestirnshöhen. Deren Höhe
über dem Horizont ermittelte man mittels Verschiebung eines Querholzes
auf einem geeichten Gradstock. Für verschiedene Höhen wurden
unterschiedlich große Querhölzer benutzt, für die jeweils
eine andere Einteilung auf dem Stab galt. Vorteil war der neue Bezug auf
den Horizont.

Der Quadrant, ein Gerät zur Höhenmessung der Gestirne,
wurde in seiner einfachsten Form schon von Columbus benutzt. Der Benutzer
des Davisquadranten (16. Jh.) stand mit dem Rücken zur Sonne
und visierte den Horizont an. Ein Lichtstrahl fiel auf ein Täfelchen,
die Sonnenhöhe wurde auf dem Stab BC abgelesen. 200 Jahre später
war daraus ein Viertelkreis geworden. Nun stellte der Beobachter auf dem
Schattenvisier A eine der Sonnenhöhe entsprechende Gradzahl ein, blickte
durch das Sichtloch des Sichtvisiers B und versuchte den von A auf das
Querholz C geworfenen Sonnenschatten mit dem Horizont in Deckung zu bringen.

1757 wurde der Sextant erfunden. Er wurde zur Messung von Höhen-
und Horizontalwinkeln und den Winkeln zwischen zwei Gestirnen verwendet,
in erster Linie zur Höhenmessung eines Sterns über dem Horizont.
Der Sonnenstrahl fällt auf einen oben angebrachten beweglichen Spiegel
und wird zu einem zweiten unbeweglichen Spiegel reflektiert. Durch ein
Fernrohr kann der Beobachter in der rechten Hälfte diesen Lichtstrahl
sehen, in der linken den Horizont. Beide muß er zur Deckung bringen.
Der Winkel wird am Gradbogen abgelesen.

Für die astronomische Navigation ist die Kenntnis der astronomischen
Werte unabdingbar. Bei den Arabern waren bereits im 11. Jh. astronomische
Tafeln in Gebrauch, auf denen die mittlere Meridianhöhe (Längenkreis)
der Sonne an den verschiedenen Tagen des Jahres verzeichnet war, so daß
mit dem Meßwert dieser Höhe die geographische Breite des eigenen
Standortes errechnet werden konnte. Vorausberechnete Werte werden auch
heute noch veröffentlicht, z. B. ununterbrochen seit 1767 im britischen
Nautical Almanac.
Ein großes Manko aller Instrumente war immer ihre Abhängigkeit
von der Wetterlage. Trotz der immer genauer werdenden Meßmethoden
war deshalb die Erfahrung ein nicht zu unterschätzender Faktor, ganz
besonders, so lange nur die Breitengrade genau angegeben werden konnten.
Man segelte bis zum gesuchten Breitengrad und folgte diesem dann in West-
bzw. Ostrichtung bis zum Ziel. Die Bestimmung der Längengrade blieb
ohne ein exaktes Instrument zur Zeitmessung an Bord ungenau. 1714 setzte
das englische Parlament sogar eine Prämie von 20.000 Pfund aus für
ein solches Gerät. Erst 1774 konnte das Geld ausgezahlt werden: der
Chronometer war erfunden und nun auch die Längengrade genau bestimmbar.